05

Aug

2019

Kommt eine Straßenbahn zum Doktor…*

Sie sehen robust aus und rollen auch bei widrigsten Bedingungen durch die Straßen Leipzigs…

… Doch irgendwann muss jede Straßenbahn einmal komplett durchgecheckt werden – bei der IFTEC GmbH & Co. KG in Leipzig Heiterblick.

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Hinter den Kulissen: Ein Besuch bei der IFTEC GmbH & Co. KG in Leipzig Heiterblick

Alle acht Jahre finden sich Leipzigs Straßenbahnen zwischen Taucha und dem Torgauer Platz am östlichen Ende der Stadt ein. Ein riesiges Gelände wird dabei von einem altem Offizierscasino eröffnet: Zur Rechten ein hochmodernes Gebäude voller Straßenbahnen und zur Linken eine weitere, gewaltige Halle. Schon etwas in die Jahre gekommen ist sie, das gibt Werkstattleiter Frank Waldenmaier zu. „Hier wurden vor dem ersten Weltkrieg noch militärische Flugzeuge gebaut, bis der Versailler Vertrag das unterbunden hat. Daraufhin kaufte der Straßenbahnbetrieb die gesamte Anlage und seitdem werden hier Straßenbahnen instandgehalten.“

Das neue Gebäude mit seiner modernen Optik aus Gussbeton und Holzfassade ist der ganze Stolz des Betreibers IFTEC, einer Tochtergesellschaft der Leipziger Verkehrsbetriebe und der Siemens Mobility. In ihren Hallen sieht man überall Spezialisten am Lackieren, Schleifen und Montieren. In einer dieser Hallen steht auch ein Leoliner, eine jener Straßenbahnen also, von denen hier zwei Prototypen hergestellt wurden. Die 48 weiteren Fahrzeuge baute die HeiterBlick GmbH mit Sitz im Leipziger Stadtteil Plagwitz. Seine Fenster sind rausgenommen, die Stühle abmontiert. Elektronik liegt offen wie auf dem OP-Tisch der Chirurgie.

Von vielen Bahnen bleibt nur das Grundgerüst stehen

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Echte Anpacker: Die Mitarbeiter und Auszubildenen der IFTEC können mit Stahl und Schraubenschlüssel umgehen

Der Wagen sei aus den „Neunzigern und schon das dritte Mal bei uns“ erzählt der Werkstattleiter und ergänzt „den hier werden wir komplett auseinandernehmen müssen“. Je nach Alter der Straßenbahnen sind die Techniker dafür verantwortlich, die Bahnen für den regelmäßigen Betrieb in den kommenden acht Jahren fit zu machen. Ältere Trams werden auseinandergenommen, Verschleißteile ersetzt, Fenster und Sitze gereinigt und schließlich alles wieder zusammengebaut. Bei neueren Bahnen wird außerdem die Elektronik geprüft und kosmetische Anpassungen im Interieur vorgenommen. Der Vorgang muss vor allem eines sein: wirtschaftlich. Ist die Instandhaltung rechnerisch in weiteren 8 Jahren zur nächsten Inspektion zu teuer, wird beim Fahrzeugeigentümer LVB ein Neukauf geprüft.

Die aus der ehemaligen Tschechoslowakei stammenden Tatra-Bahnen prägen das Leipziger Straßenbild schon seit Jahrzehnten. „Genau genommen schon seit einem halben Jahrhundert“, sagt Frank Waldenmaier. Doch man solle sich keine Illusionen machen: „Die ältesten Tatras im Fahrbetrieb sind von 1982.“ Und von denen sei nur noch das Stahlgerüst im Originalzustand. Die Instandhaltung dieser alten Bahnen werde zunehmend schwierig. „Vor allem die Ersatzteilbeschaffung wird immer teurer“ stimmt der Werkstattleiter leise den Abgesang auf die Tatras an. Die letzten ihrer Art werden circa Mitte der 2020er Jahre durch Leipzig fahren – danach nur noch als Museumsbahn.

Die Zukunftsaussichten: es rollt

Die Fahrgastzahlen in Leipzig nehmen zu und darauf reagieren die Leipziger Verkehrsbetriebe mit einer Vergrößerung der Flotte – allerdings nicht in Zahlen auf der Flottenliste, sondern bei der Länge und den Modellen der Bahnen. „Eine neue XL Bahn ersetzt vom Fassungsvermögen her mindestens zwei alte Tatras“ weiß der Tramexperte Waldenmaier. Zudem sind die neuen Bahnen entgegen der landläufigen Meinung recht wartungsarm. Allerdings braucht es zunehmend neue Kompetenzen, wenn die ersten neuen Bahnen zur Instandhaltung auf der Teslastraße Richtung Taucha einrollen. „Deshalb entstehen bei uns attraktive Ausbildungsplätze für junge Leute, die sich z.B. als IT-Systemelektroniker und Mechatroniker in die Zukunft der Mobilität einbringen wollen.“ sagt der Herr über die Hallen stolz, der zwischendurch alle Kollegen mit „Mahlzeit!“ grüßt, obwohl es erst kurz vor 9 Uhr morgens ist. Denn hier arbeiten Frühaufsteher. Es geht zugleich professionell und kollegial zu – und vor allem laut und lebendig. „Der öffentliche Nahverkehr wird immer wichtiger. Deshalb werden wir auch in Zukunft gut zu tun haben!“

 

*und sagt: „Herr Doktor ich glaube ich bin eine Motte.“ Arzt: „Und warum kommen Sie dann ausgerechnet zu mir?“ „Bei Ihnen brannte noch Licht“