01

Dez

2017

Mobilität ist ein hohes Gut

Ein Interview mit Prof. Dr. Stropka von der TU Dresden

Professorin für Kommunikationswirtschaft an der TU DresdenUlrike Stopka, geb. 1954 in Dresden, ist seit 1993 Professorin für Kommunikationswirtschaft an der TU Dresden, Fakultät  Verkehrswissenschaften „Friedrich List“. Sie ist Mitglied im Bundesverband Glasfaseranschluss e. V., im Sächsischen Telekommunikationszentrum, im Münchner Kreis für Kommunikationsforschung und Jurymitglied der Vodafone Stiftung für Forschung in der Mobilkommunikation.

Frau Professor Stopka, beschreiben Sie uns doch bitte kurz Ihr Tätigkeitsfeld an der TU Dresden.

An der Professur für Kommunikationswirtschaft der Fakultät Verkehrswissenschaften beschäftigen wir uns mit der  „Informatisierung und Digitalisierung“ des Verkehrs, d. h. mit dem Einsatz innovativer Informationsund Kommunikationstechnologien und der damit verbundenen Dienste im Verkehrssektor. Wir sind also eine Querschnittsdisziplin, die alle Bereiche der Wirtschaft und des privaten Lebens durchdringt.

Welche großen Zukunftstrends sehen Sie im ÖPNV?

Ein wichtiger Mobilitätstrend erwächst aus der Urbanisierung. 2050 werden 70 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben. Die Art und Weise, wie sich Menschen in Städten bewegen, gestaltet sich in Zukunft sehr pragmatisch: schnell, einfach, preiswert und vor allem situativ angepasst. Der öffentliche Verkehr und der Individualverkehr werden zunehmend verschmelzen,
der ÖPNV wird immer individualisierter, Fahrzeugpools und Sharing-Konzepte werden eine immer größere Rolle spielen.

Erläutern Sie uns das am Beispiel des Carsharings etwas genauer.

Die Sharing-Ökonomie – also der Gedanke des Teilens, etwas gemeinsam zu nutzen und daran auch zu verdienen – ist eine allgemein zu beobachtende Tendenz in der Gesellschaft. Schon heute geht die Vielfalt des Angebots weit über das Carsharing hinaus. Die Menschen teilen sich nicht nur ein Auto wie bei „DriveNow“, „Flinkster“ oder „car2go“. Sie teilen sich auch Parkplätze oder Fahrten wie bei „blablacar“ oder „mitfahren.de“. Neben diesem Ride-Sharing gibt es auch das Ride-Selling, also Anbieter wie „Uber“ stellen appgesteuert auf Abruf ein Auto samt Fahrer zur Verfügung. Bei Fahrdiensten wie „Clever Shuttle“ oder „MOIA“ gibt der Nutzer über eine App Standort und gewünschtes Ziel an und wird nach kurzer Wartezeit von einem Fahrzeug abgeholt, in dem mehrere Fahrgäste sitzen. Die Route wird von einer Software optimiert. Entscheidend ist immer die Frage, wozu ist der Nutzer bereit? Preis, Zeit, kleine Umwege, muss er warten, ein Stück laufen – für jeden wird es eine flexible Lösung geben.

Professorin für Kommunikationswirtschaft an der TU Dresden Frau Prof. Dr. Stopka von der TU Dresden beschäftigt sich mit Zukunftsfragen der Mobilität.

Wie kann Mobilität auch im ländlichen Raum sichergestellt werden?

Es gibt schon heute das Konzept der Anruf-Sammeltaxis, Rufbusse oder Bürgerbusse. In Zukunft wird auch hier die Mitwirkung vieler dank maßgeschneiderter Mobilitäts-Apps neue Konzepte möglich machen, wie z. B. das Projekt „Mobilfalt“ in Nordhessen zeigt. PKW-Fahrer, die regelmäßig in den Kommunen der Region oder zum Anschluss einer Bahnlinie unterwegs sind, stellen ihr Fahrangebot auf der Mobilfalt-Website im Internet ein. Wer Bedarf hat, schaut dort nach, gleicht Fahrer, Zeit, Kennzeichen und Treffpunkt ab und schon geht es los. Im Landkreis Freyung-Grafenau wollen wir ein ähnliches Angebot mit Nahversorgungsleistungen kombinieren.

Apps spielen bei all diesen Szenarien eine tragende Rolle. Wie wichtig wird unser Smartphone in Zukunft für uns sein?

Das mobile Gerät ist der Schlüssel zur Bewegungsfreiheit. Die Zukunft gehört sogenannten NFC-fähigen Geräten mit in das Gerät integrierten SIM-Karten, auf die verschiedenste Anbieter zugreifen können. Im Smartphone sind alle Daten erfasst: personenbezogene Daten, mein Führerschein, meine Tickets, meine Bankinformationen. Mittels Zwei-Faktor-Authentifizierung wird der sichere Zugriff des Nutzers auf diese sensiblen Daten gewährleistet. Nur mit solchen Voraussetzungen ist es möglich, dass ich jederzeit und überall ein Auto mieten oder mit anderen teilen kann, ohne dass ich erst meinen Führerschein offiziell vorlegen und prüfen lassen muss.

Wie ist es mit der Nachverfolgbarkeit? Wie realistisch ist der gläserne Mensch?

Wir sind heute schon weitgehend trackbar. Die Mobilfunknetzbetreiber wissen jederzeit, in welcher Mobilfunkzelle sich mein Smartphone befindet. Ab 2018 sind alle in Europa zugelassenen Neufahrzeuge mit dem „eCall Notrufsystem“ ausgestattet. Es soll bei Unfällen schnellere Hilfe ermöglichen, verrät jedoch auch jederzeit den Standort des Fahrzeugs. Modelle wie „pay-as-you-go“, also Versicherungsprämien nach tatsächlich gefahrenen Kilometern oder Fahrverhalten, werden somit immer wahrscheinlicher.

Auch das autonome Fahren könnte für viele ein Eingriff in die persönliche Freiheit sein. Wollen die Menschen nicht selbst entscheiden,wie sie fahren?

Verkehrspsychologische Untersuchungen zeigen, dass ca. 40 Prozent der Menschen gar nicht automatisiert fahren wollen. Und doch wird die Entwicklung dahin gehen. Das viel beschworene  autonome Fahren ist jedoch die Endstufe eines langen Prozesses. Vorher liegen die Zwischenstufen teil-, hoch- und vollautomatisiertes Fahren. Bestimmte Vorgänge wie das Einparken werden
heute schon vom Computer oft besser gesteuert als vom Menschen. Der nächste Schritt wird sein, dass das Fahrzeug bestimmte, dafür zugelassene Teilstrecken automatisiert zurücklegt – zum Beispiel Abschnitte auf Autobahnen. Kritisch wird es dann, wenn das System überfordert ist und die Kontrolle an den Fahrer zurückgeben muss. Liest der vielleicht gerade seine E-Mails? Oder schaut er einen Film? Wie schnell kann er die Kontrolle über das Fahrzeug wieder übernehmen? Ich bin kein Prophet, aber das wirklich autonome, fahrerlose Fahren wird in der Verkehrspraxis nicht vor 2030 kommen.

Das klingt trotzdem nach nicht allzu ferner Zukunft …

Ein Auto der Oberklasse verfügt heute schon über rund 120 Steuergeräte. Pro Fahrstunde werden bis zu 250 GB Daten produziert, übertragen und verarbeitet. Und hier liegt ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen Mensch und Computer, der den Menschen der Maschine vielleicht doch überlegen macht: Der Mensch fährt im Wesentlichen heuristisch. Er entscheidet auf Basis unvollständiger Informationen in sehr kurzer Zeit, ist in der Lage, das Verkehrsumfeld aufgrund seiner Erfahrungen vorausschauend einzuschätzen und fährt damit relativ gut. Das ist ein schlagkräftiger Vorteil gegenüber jedem künstlichen System, denn dieses reagiert erst, wenn es alle verfügbaren Daten verarbeitet hat.

Zurück zum ÖPNV – welche konkreten Visionen sehen Sie für die Zukunft?

Ich sehe den öffentlichen Verkehr wesentlich intermodaler als heute mit einem Angebot von Produktbündeln, die jeder so nutzen kann, wie er sie braucht. Die „Whim“-App in Helsinki ist ein   gutes Beispiel: Der Kunde wählt nach seinem Bedarf aus drei Mobilitäts-Paketen: Bei „Whim Urban“ kann er für 55 Euro pro Monat alle öffentlichen Verkehrsmittel in der Stadt nutzen und 15 Euro für Taxi oder Mietwagen ausgeben. „Whim Go“ enthält für 179 Euro neben der unlimitierten Nutzung des ÖPNV in Helsinki ein weitaus größeres Budget für Mietwagen oder Taxi. Hole ich mir die höchste Stufe „Whim Business unlimited“ brauche ich wirklich kein eigenes Auto mehr. Ich bin sicher: Zukünftig werden sich der Öffentliche Personennahverkehr und neue Mobilitätsformen verstärkt sinnvoll ergänzen und erweitern. Ich wähle dann einfach immer genau das Mobilitätsangebot, das zu meinem aktuellen Bedarf passt.

Wird Mobilität billiger oder teurer als heute?

Ich denke: Mobilität wird teurer werden. Die Möglichkeit, mobil zu sein, muss wieder als Wert in der Gesellschaft etabliert werden. Mobilität ist ein hohes Gut – wir haben nur verlernt, dies zu schätzen.

Interview: Dr. Sylva Sternkopf
Fotos: © Hagen Wolf