04

Sep

2017

Interview mit Vinzenz Schwarz

Aus unserem MDV-Magazin Hin&Weg: Angesagt und Nachgefragt

Vinzenz Schwarz - Vorstand Hallesche Verkehrs-AG

Vinzenz Schwarz (50), ist seit November 2012 Vorstand der Halleschen Verkehrs-AG. Mit einem 100-Punkte-Plan richtete er die HAVAG strategisch neu aus. Dank vieler fleißiger Hände und engagierter Mitarbeiter konnte die Entwicklung der Fahrgastzahlen wieder ins Positive gewandelt werden. Seine Leitlinien sind operative Exzellenz und hohe Kundenzufriedenheit.

Vinzenz Schwarz studierte Automatisierungstechnik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin sowie Betriebswirtschaftslehre an der Technischen Hochschule Wildau und VWA Cottbus. Nach Stationen in der kommunalen Wohnungswirtschaft und in der Wirtschaftsförderung managt er seit acht Jahren Unternehmen im ÖPNV. Der Familienvater, Fußball- und Oltimerfan stammt aus Cottbus und reist gern mit öffentlichen Verkehrsmitteln.

Herr Schwarz – Auto oder Öffentliche Verkehrsmittel?

Die Ausgewogenheit macht für mich den Reiz aus. In der Stadt nutze ich fast ausschließlich den ÖPNV. Auch wenn ich dienstlich zur Landesregierung fahre, reise ich immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln – gerade mal 45 Minuten brauche ich bis nach Magdeburg. In Berlin bin ich in weniger als 1,5 Stunden, nach Leipzig fährt die S-Bahn in einer guten halben Stunde. Aber ich bin auch leidenschaftlicher Autofahrer und Oldtimer-Fan.

Wie sieht es mit Ihren Kunden aus?

Immer mehr Menschen entscheiden sich ganz bewusst für den ÖPNV. Keine Parkplatzsuche, kurze Wege, ein sich ständig bessernder Service und gut ausgebaute Verbindungen zu vernünftigen Preisen machen das Angebot der HAVAG attraktiv. Auch wenn viele Hallenser ein Auto besitzen, sind die öffentlichen Verkehrsmittel doch für viele eine interessante Alternative zum Zweitauto – mit deutlich günstigeren Kosten und oft kürzeren Reisezeiten.

Wie gewährleisten Sie, dass Busse und Straßenbahnen in der Stadt so schnell sind?

Busse und Straßenbahnen fahren an den meisten Ampeln und Verkehrsknoten bevorrechtigt. Dafür mache ich mich persönlich stark. Schließlich ist das ist eines unserer schlagkräftigsten Argumente: Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man schnell und unkompliziert durch die Stadt. Und wir finden: Straßenbahn- und Busfahren darf Spaß machen! So haben beispielsweise Absolventen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein einen wirklich außergewöhnlichen Bus gestaltet: ein angenehmer Kontrast zum – um es mit Loriot zu sagen – „freundlichen Grau“.

Wie machen Sie die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln für Ihre Fahrgäste so angenehm wie möglich?

Vinzenz Schwarz - Vorstand Hallesche Verkehrs-AGSeit 2014 setzen wir einen umfangreichen Maßnahmenplan mit über 100 Schritten um, um unsere Ziele – unter anderem mehr Fahrgäste, operative Exzellenz und eine hohe Kundenzufriedenheit – zu erreichen. So treiben wir gemeinsam mit der Stadt Halle und den Stadtwerken Halle das Stadtbahn-Programm voran, um für unsere Fahrgäste die Reisezeit zu verringern, den Komfort durch Barrierefreiheit und Niederflurbahnsteige zu erhöhen, die Infrastruktur für einen zukunftsfähigen ÖPNV auszubauen und Verkehrsanlagen auf einen modernen Standard zu bringen. Und wo gebaut wird, sanieren unsere Stadtwerke-Schwestern ihre Versorgungsleitungen gleich mit. Wir haben intensiv in Fahrzeuge, Infrastruktur und Kundenservice investiert und konnten unsere Fahrgastzahlen seit 2015 deutlich steigern. In diesem Jahr werden wir voraussichtlich über 54 Millionen Fahrgäste befördern. Besonders freut uns, dass die Zahl unserer Stammkunden im MDV-Abo auf über 45.000 gestiegen ist – denn das sind keine Gelegenheitsnutzer, sondern Menschen, die sich bewusst für den ÖPNV entscheiden. Über Kundenbefragungen und Marktforschungen erheben wir jedes Jahr, was unsere Fahrgäste bewegt und wie zufrieden sie mit unserer Leistung und Qualität sind.

Wie sieht es mit dem Umland aus? Welche Vorteile bietet die HAVAG für die Menschen rund um Halle?

Der Schüler-, Berufs- und Azubiverkehr sind die stärksten Säulen des Umlandverkehrs. Wir haben zum Beispiel ein frei verkäufliches Schülerticket eingeführt, das sehr gern genutzt wird. Darüber hinaus lässt der ÖPNV viele Menschen aus den umliegenden Orten aktiv am Kultur- und Freizeitangebot von Halle teilhaben. Die Kinder fahren mit dem Bus zur Schule, der Vater nimmt vielleicht das Auto, um zur Arbeit zu gelangen, aber die Mutter fährt mit dem Bus in die Stadt – insofern bietet der ÖPNV tatsächlich ein Stück mobile Lebensqualität. Ob zum Einkaufen, zum Theaterbesuch oder aus beruflichen Gründen – wenn man einfach mal am Marktplatz in Halle beobachtet, wie aus jeder Straßenbahn unzählige Menschen quellen, um sich dann in der Innenstadt zu verteilen und verschiedensten Beschäftigungen nachzugehen, erkennt man die Bedeutung der öffentlichen Verkehrsmittel. Mobilität rund um die Uhr ist das Versprechen, das wir den Menschen geben – und erfüllen.

Wie definiert man in einer Stadt wie Halle eigentlich das Umland?

Rein verkehrstechnisch ist das ganz klar geregelt: Halle ist eingebettet in den Landkreis Saalekreis, dessen nördlichen Teil der Omnibusbetrieb Saalekreis GmbH (OBS) bedient, während im Süden die Personennahverkehrsgesellschaft Merseburg-Querfurt mbH (PNVG) zuständig ist – Ergänzt wird dieses Angebot durch den Eisenbahn- und S-Bahn-Verkehr. Die HAVAG fährt im Stadtgebiet von Halle und mit der Linie 5 auch in den Saalekreis. Aber: Die Menschen denken nicht in Stadtgrenzen! Die Menschen denken in Reiserouten: Wie komme ich am besten von A nach B – möglichst ohne umzusteigen? Diese Denke müssen auch wir annehmen und uns in die Köpfe der Fahrgäste hineinversetzen.

Wie wollen Sie das schaffen?

Der Saalekreis und auch die Stadt Halle überarbeiten gerade ihren Nahverkehrsplan. Der ideale Zeitpunkt, um die ÖPNV-Welt zu überprüfen und neu zu denken. Wir setzen uns alle gemeinsam an einen Tisch und überlegen: Sind die Angebote und Verkehrskonzepte noch zeitgemäß? Was sind die besten Anbindungen und Verknüpfungspunkte, welche Hauptlinien brauchen die Kunden? Ziel ist ein gemeinsames Konzept, dem ein intensiver Abstim- mungsprozess zwischen den kommunalen Partnern und verschiedenen Verkehrsbetrieben vorausgeht.

Stichwort Linie 5: Kaum eine andere Stadt in Deutschland hat ein so ausgedehntes Straßenbahnnetz wie Halle. Wie ist dies entstanden?

Unsere Linie 5 ist einmalig in Deutschland. Von Halle aus erstreckt sie sich 35 Kilometer weit in den Saalekreis hinein. Als sogenannte Technik-Linie verbindet sie technische und historische Highlights von Halle mit den Industriestandorten Schkopau und Leuna sowie den Städten Merseburg und Bad Dürrenberg – seit 115 Jahren. Eine Tradition, die verpflichtet. Die Städte und Gemeinden im Umland sind stolz auf ihre Straßenbahn – das versichern mir die Bürgermeister immer wieder. Und die Menschen nutzen diese Linie. Wir freuen uns, dass der Saalekreis dieses Qualitätsmerkmal des regionalen ÖPNV schätzt und diese Verbindung nachhaltig mitfinanzieren wird. Wir als HAVAG haben viel in diese Linie investiert und werden dies auch weiterhin tun, wie zum Beispiel in Merseburg oder in Bad Dürrenberg. Hier soll – nicht zuletzt im Hinblick auf die Landesgartenschau 2022 – der Lützener Platz, wo unsere Linie 5 eine Wendeschleife dreht, zum Vorzeigequartier ausgebaut werden.

Die Straßenbahnlinie 5 als verbindendes Element, geradlinig im wahrsten Sinne des Wortes – wie können Stadt und Umland noch näher zusammenrücken?

In gemeinsamen Runden mit den Bürgermeistern und dem Landkreis haben wir beraten, wie wir das Potenzial unserer verbindenden Linie 5 noch besser nutzen können. Herausgekommen ist ein gemeinsamer Marketingplan, bei dem die Kundenansprache im Vordergrund steht. Es gibt aber auch die Idee, einen großen Straßenbahnzug mit den Highlights der Städte Merseburg, Bad Dürrenberg, Schkopau und Leuna im Sinne einer verbindenden Stadtwerbungzu bekleben. Oder einfach mal mit der Tram von Halle nach Bad Dürrenberg zum Kaffeetrinken und ins Gradierwerk fahren, dann das Schloss sowie den Dom in Merseburg entdecken – das ist aus Sicht der Verkehrsbetriebe ein völlig neuer Marketingansatz. Ein zartes Pflänzchen, das auf fruchtbaren Boden gestoßen ist und nun gut gepflegt werden will – gern auch mit Unterstützung des Tourismus.

Interview: Dr. Sylva Sternkopf | Fotos: © Hagen Wolf