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Aktuelles

Verstehen heißt teilhaben

In den Elbaue-Werkstätten prüfen Menschen mit Beeinträchtigungen die Texte des MDV.

Die Prüfgruppe der Elbauenwerkstatt bei einem Gruppenfoto
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Datum
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5 Min

„Was ist eigentlich eine Internet-Seite?“ Mandy Hüfner stellt die Frage ruhig, fast beiläufig. Marcel, der den Satz gerade zum zweiten Mal vom großen Bildschirm abgelesen hat, schaut an die Decke und überlegt. Die Wörter schweben durch den Raum, während alle versuchen, zu verstehen, was da steht. Marcel hat eine Idee: „Ah Internetseite, wie eine Seite in einem Buch.“ Robert und Franzi nicken erleichtert. Jetzt ist der Satz für alle stimmig.

Satz für Satz verstehen

In einem Besprechungsraum der Elbaue-Werkstätten in Torgau trifft sich regelmäßig die Prüfgruppe Leichte Sprache zusammen mit Mandy Hüfner. Sie leitet den Berufsbildungsbereich der Elbaue-Werkstätten und koordiniert die Gruppe seit 2022. Frau Hüfner begleitet die Sitzungen, macht sich Notizen, erklärt schwierige Wörter und stellt die richtigen Fragen. „Die Prüfer können mir ganz genau sagen, wie sie’s verstehen. Das ist ja die Zielgruppe.“

3 Menschen schauen auf einen Bildschirm

Eigentlich sind sie zu fünft, aber heute sind nur Marcel, Franzi und Robert gekommen. Es ist kurz nach halb zwei und die drei haben schon einen vollen Arbeitstag in der Wäscherei und der Montage hinter sich.  

Jetzt prüfen sie Texte, genauer gesagt Texte des Mitteldeutschen Verkehrsverbunds. Die sind schon in Leichter Sprache verfasst hier angekommen. Damit sie aber das Prüf-Siegel „easy to read“ bekommen, liest die Prüfgruppe noch einmal sorgfältig jeden Abschnitt, prüft Links und Bilder. Am Ende soll eine Internetseite entstehen, die sich Menschen mit Beeinträchtigungen selbst erschließen können.

„Informationen ist zu lang“, sagt Franzi mit Blick auf den nächsten Satz. „Infos ist besser.“ Mandy Hüfner notiert den Vorschlag. Neben dem Text ist eine Grafik zu sehen, die Regeln etwas abstrakt symbolisieren soll. Franzi schüttelt den Kopf: „Das verstehe ich nicht.“ Das Bild sollte getauscht werden. Dabei geht es nicht um Stil, sondern um Verständnis und Nutzbarkeit. Gemeinsam überlegen alle, welches Bild besser passen könnte.

Was sind Einfache und Leichte Sprache und wen sollen sie erreichen?

Leichte Sprache folgt einem strengen Regelwerk mit festen Anforderungen an Satzbau, Wortwahl und Gestaltung. Zusammengesetzte Wörter werden mit Bindestrich getrennt, Fremdwörter vermieden oder sofort erklärt, Bilder unterstützen den Text. Und jeder fertige Text muss von einer zertifizierten Prüfgruppe abgenommen werden, also von Menschen, die selbst zur Zielgruppe gehören. Erst dann darf er das Prüf-Siegel „easy to read“ tragen. Leichte Sprache richtet sich vor allem an Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen oder Lernschwierigkeiten, für die klare Sprache keine Frage des Komforts ist, sondern die Voraussetzung für Verstehen und Teilhabe ist.

Einfache Sprache folgt keinem festen Regelwerk, sondern Leitlinien. Sie ist verständlicher, ohne stark vereinfacht zu sein, und richtet sich an eine breite Zielgruppe: Menschen, die Deutsch als Zweitsprache sprechen, Menschen mit geringer Lesekompetenz oder alle, die komplexe Inhalte schnell und ohne Umwege verstehen wollen.

3 Menschen sitzen vor einem Bildschirm

Weiter im Text

„Was ist ein Clip?“, fragt Mandy Hüfner, als der entsprechende Satz vorgelesen wird. Robert überlegt keine Sekunde: „Ein Kurz-Video.“ Sie nickt und lässt ihn weiterlesen.

Die Gruppe klickt sich wieder durch den Text. Textlinks kann Marcel nicht erkennen. Die müssen raus. Die Gruppe testet nacheinander, wo man klicken soll, checkt, ob ein Abstand zu groß ist. Ob das Bild zum Text passt. „Das sieht man nicht“, sagt Robert und deutet auf eine Bildunterschrift unter einem eingebetteten Video, die beim Vergrößern der Seite aus dem Sichtfeld rutscht. „Dann muss sie nach oben“, sagt Mandy Hüfner und macht sich Notizen dazu. Jede Beobachtung verändert den Text. Nicht dramatisch, oft ist es nur ein Wort, ein zu großer Umbruch oder ein unstimmiges Bild. Kleine Änderungen, die für die Zielgruppe aber eine große Wirkung haben.

Arbeiten in den Elbaue-Werkstätten

1990 gründete die Lebenshilfe Torgau die Elbaue-Werkstätten. Heute arbeiten hier rund 300 Menschen mit geistigen, körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen zwischen 16 und 65 Jahren. Alleiniger Gesellschafter ist die Lebenshilfe Torgau e. V., die als Elternvereinigung und Einrichtungsträger die Interessen der Menschen mit Behinderung in der Region vertritt. Das Ziel ist gesellschaftliche Teilhabe und berufliche Integration, nicht als Verwahrangebot, sondern als echte Beschäftigung mit arbeitnehmerähnlichen Verträgen, festen Schichten und Urlaubsanspruch.

Die Menschen arbeiten in den Elbaue-Werkstätten in sehr unterschiedlichen Bereichen wie Küche, Wäscherei, Montage, Tischlerei, Metallbearbeitung und Grünpflege. Alle Betriebsstätten sind mit modernen Maschinen ausgestattet, um Aufträge aus der Industrie und von Privatpersonen bearbeiten zu können. Seit 2023 sind die Elbaue-Werkstätten auch mit einer gläsernen Werkstatt in der Torgauer Innenstadt vertreten, wo Beschäftigte mit und ohne Handicap gemeinsam nähen, drucken und gestalten. Dabei zeigen vor allem die Menschen mit Beeinträchtigung, was sie leisten können. Dass das lange unsichtbar blieb, ist für Mandy Hüfner das eigentliche Problem.

„Was die Menschen hier alles können, wird sehr oft unterschätzt oder einfach als Beschäftigungstherapie abgetan. Dem wollen wir mit unserer Arbeit entgegenwirken.“ Die Werkstätten seien in der Stadt zwar bekannt, sagt sie. Aber was dort geleistet werde, wisse kaum jemand. Für viele sei es ein Ort am Stadtrand, der wenig mit dem eigenen Alltag zu tun habe.

Die Testleser der Elbauewerkstatt Torgau vor dem Eingang.png
Die Prüfgruppe nach getaner Arbeit: Marcel, Robert und Franzi mit Mandy Hüfner.

Müde, aber glücklich

Nach etwa einer Stunde ist die Gruppe fertig. Robert mag nicht mehr lesen. Marcel übernimmt noch ein paar Zeilen. Dann ist Schluss für heute. Ein paar Wörter sind gekürzt. Der MDV bekommt drei neue Bildvorschläge. Eine Bildunterschrift hat ihren Platz gewechselt. Den Rest der Seiten lesen sie das nächste Mal.

Für ihre Prüfarbeit bekommen alle ein Honorar, das am Ende des Monats auf dem Lohnzettel erscheint. Das ist ein Ansporn, aber nicht der einzige Grund für Marcel, Franzi und Robert, dabei zu sein. „Die Gruppe mag die Arbeit hier. Das ist für alle eine willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag in den Werkstätten“, sagt Mandy Hüfner. Zum Schluss treffen sich alle für ein Gruppenfoto vor der Glastür und vereinbaren noch fix den nächsten Termin, bevor sie in den wohlverdienten Feierabend gehen.

8. Mai – Tag der Inklusion

Wer sich selbst ein Bild machen will, hat dazu am 8. Mai die Gelegenheit. Zum Tag der Inklusion zeigen die Elbaue-Werkstätten mit über vierzig weiteren Akteuren auf dem LAGA-Gelände wie Teilhabe konkret aussieht. Dabei präsentieren beispielsweise Kindergärten, Therapieeinrichtungen und lokale Unternehmen ihre inklusiven Angebote auf dem Laga-Gelände, Am Stadtpark, 04860 Torgau. Außerdem gibt es jede Menge Musik und Spiele. Das MDV-Infomobil ist auch mit dabei. Der Eintritt ist frei.

Bildnachweise

In der Reihenfolge ihres Erscheinens:

  • Die Prüfgruppe der Elbauenwerkstatt bei einem Gruppenfoto: Texterkolonie, Michael Herrmann
  • Die Prüfgruppe nach getaner Arbeit: Marcel, Robert und Franzi mit Mandy Hüfner.: Texterkolonie, Michael Herrmann