Der Anfang des Verbunds
25 Jahre gibt es den Mitteldeutschen Verkehrsverbund bereits. Doch wie kam es überhaupt zur Verbundgründung und welche Herausforderungen prägten die Anfangsjahre? Wir werfen einen Blick zurück auf den Start des MDV.
Wie aus getrennten Verkehrsnetzen ein gemeinsamer Weg wurde
In Teil 2 unserer Jubiläumsserie blicken wir zurück auf das Frühjahr 1994 und damit in eine Zeit, in der in Mitteldeutschland vieles im Wandel war. Wenige Jahre nach der Wiedervereinigung prägen Strukturwandel, Arbeitsplatzverluste und Abwanderung die Region. Gleichzeitig beginnt sich der Alltag neu zu ordnen, auch im Verkehr.
Mit der Neuordnung der Bundesländer in der ehemaligen DDR, dem Wegbrechen von Industriebetrieben, aber auch einem ersten Neustart von gewerblichen Ansiedlungen in Mitteldeutschland sind viele Grundlagen der Region im Wandel. Pendlerströme verändern sich, das Auto wird zum Symbol individueller Freiheit – Bus und Bahn verlieren dagegen an Attraktivität.
Auf Bundesebene werden in dieser Zeit die Weichen für den Nahverkehr ebenfalls neu gestellt: Mit der Bahnreform 1993 und der Gründung der Deutschen Bahn AG 1994 geht die Verantwortung für den Nahverkehr an die Länder über, Planung und Organisation sollen regional erfolgen. Ein Impuls, der auch in Mitteldeutschland aufgegriffen wird und die Idee zur Gründung von Verkehrsverbünden in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen nährt.
Halle und Leipzig, mehr als nur „Nachbarn“
Schon damals sind Halle (Saale) und Leipzig mit ihrem Umland mehr als nur zwei benachbarte Städte. Sie sind ein eng verflochtener Lebens- und Wirtschaftsraum mit rund 1,35 Millionen Menschen. Verkehrlich ist vieles vorhanden: einfache S-Bahnsysteme, Stadt-Express-Züge, Straßenbahnüberlandlinien und ein dichtes Bus- und Tramnetz. Doch ohne Vernetzung bestimmen unterschiedliche Tarife, unklare Zuständigkeiten und kaum abgestimmte Fahrplananschlüsse das Fahrerlebnis.
Aus dieser Ausgangssituation heraus entsteht der Gründungsgedanke eines Mitteldeutschen Verkehrsverbundes. Planung, Organisation und Teile der Finanzierung des ÖPNV sollen in einem drei Länder übergreifenden Verbundgebiet zusammengeführt werden, um Qualität und Wirtschaftlichkeit gemeinsam zu stärken. Statt eines Nebeneinanders bestehender Verkehre soll ein abgestimmtes Nahverkehrssystem entstehen, das attraktive Angebote schafft und zugleich Raumordnung, Umweltaspekte, Wirtschaftlichkeit und vor allem regionale Entwicklung verbindet.
Die Grundsteinlegung für diesen Weg beginnt am 28. März 1994. An diesem Tag fällt in Leipzig auf Initiative des Sächsischen Staatsministeriums für Wirtschaft und Arbeit der Startschuss für das spätere Verbundprojekt.
Nach diesem Gründungsbekenntnis braucht es zunächst Struktur. Am 1. Juli 1994 wird das Vorbereitungsbüro gegründet, welches kurz darauf in Leipzig seine Arbeit aufnimmt. Hier werden die Grundlagen für den Verbund geschaffen, die zunächst im Aufbau eines gemeinsamen Vertriebs- und Ticketsystems liegen. Dafür müssen die mehr als zehn lokalen Tarife der Verkehrsunternehmen vor Ort zu einem neuen, gemeinsamen Angebot umgebaut werden. Parallel entsteht die rechtliche Basis der Verbundarbeit auf Grundlage der ÖPNV-Gesetze in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die Kommunen erhalten als Aufgabenträger eine zentrale Rolle. Erste Verträge der gemeinsamen, länderübergreifenden Zusammenarbeit entstehen.*
Die Finanzierungsfrage: Ohne Geld kein Takt
Auch wirtschaftlich muss sich der Nahverkehr neu aufstellen. Das Leistungsprinzip soll sicherstellen, dass auch unter den Bedingungen eines gemeinsamen Tarifs Einnahmen dort ankommen, wo die Fahrgäste die Angebote nutzen. Verkehrsunternehmen sollen deutlich enger miteinander arbeiten und Pendler*innen, Gästen und der neu aufstrebenden Wirtschaft in der Region eine Grundlage für einen einfacheren, vernetzten Zugang zu Bus, Tram und Zug schaffen.
Schritt für Schritt nimmt die Verbundidee Gestalt an. 1997 wird mit dem Abo-Fahrausweis „Aus 2 mach 1“ schon ein erster wichtiger Vorläufer des Verbundtarifs eingeführt. Fahrgäste können damit erstmals verschiedene Verkehrsmittel mit nur einem Ticket nutzen. Gleichzeitig werden erste Taktabstimmungen zwischen Bus und Bahn umgesetzt und Angebote modernisiert – erste greifbare Bemühungen hin zu einem gemeinsamen Verkehrsverständnis.
1998 und 2001: Der formale Start
Am 27. März 1998 wird im historischen Wappensaal in Halle die Mitteldeutsche Verkehrsverbund GmbH formal gegründet. Kurz darauf wird der Aufsichtsrat eingesetzt und Dr. Werner Meier als erster Geschäftsführer bestellt. Es folgen der Aufbau von Strukturen, Verträge mit Partnern und die Einbindung des Schienenverkehrs. Erfahrungen aus der Region und dem Verbund in Stuttgart werden aufgegriffen, um hier in Mitteldeutschland einen Anfang zu finden. Nach sieben Jahren Vorbereitung ist es dann soweit: Am 1. August 2001 startet der Verbundtarif im Mitteldeutschen Verkehrsverbund.
Aus den Preisen und Tickets von zwölf Verkehrsunternehmen entsteht mit dem Verbundstart 2001 in zwei Städten und vier Landkreisen erstmals ein einheitliches Tarifprinzip.
Die Wirkung lässt nicht lange auf sich warten. Nach 100 Tagen zieht der damalige Geschäftsführer Dr. Werner Meier ein erstes positives Fazit: „Der Mitteldeutsche Verkehrsverbund läuft erfolgreicher als erwartet.“ Besonders deutlich steigt die Zahl der Abonnenten – in den ersten drei Monaten um 14 Prozent, nach knapp zwei Jahren liegt das Plus bereits bei 36 Prozent.
Die erfolgreiche Startphase führt bald zum Wachstum. Unter der Projektleitung des damaligen Prokuristen Steffen Lehmann erfolgte 2004 die erste Gebietserweiterung um die Landkreise Torgau-Oschatz, Döbeln, Muldentalkreis, Weißenfels und Burgenlandkreis. Ein Jahr später kommt mit dem Landkreis Altenburger Land in Thüringen anteilig ein drittes Bundesland zum MDV hinzu.
Trotz der Erfolgsbilanz gab und gibt es aber auch fortlaufende Herausforderungen. Durch die Vereinheitlichung der Tarife über Verkehrsunternehmen und Tarifzonen hinweg – sogenannte Harmonisierungen – entstanden beispielsweise Mindereinnahmen. Dafür gewährten die beteiligten Bundesländer anfangs großzügige Unterstützung. Konkret wurde das Zusammenführen der verschiedenen Tarife und die deutliche Absenkung der Fahrpreise für Pendler mit 5 Euro je Einwohner und Jahr durch die Länd
Bis heute ist der Verbund ein System, das stark von wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geprägt wird. Wie stark der Verbundgedanke dabei ausgestaltet werden kann, ist immer auch abhängig von politischen Prioritäten und öffentlichen Mitteln.
MDV = Die Summe aller Partner
Unser Rückblick zeigt: Der MDV ist deutlich mehr als ein entstandener Tarifverbund. Er ist ein komplexes Geflecht aus Interessen, Finanzierung und regionaler Zusammenarbeit. Ein Modell, das funktioniert – auch wenn es mit inzwischen 24 Gesellschaftern naturgemäß nicht immer reibungslos läuft. Unterschiedliche Perspektiven, wie z.B. bedingt durch abweichende Ländervorgaben, gehören hier zum Alltag, genauso wie das gemeinsame Ringen um gute Lösungen. Gerade darin liegt aber auch die Stärke des Gedankens im Mischverbund: Entscheidungen entstehen im Austausch, mit Interessensausgleichen nah an der Praxis und in der Region.
Die Entwicklung der letzten 25 Jahre gibt dem Ansatz recht. Fahrgastzahlen und Tariferlöse sind über die Jahre deutlich gestiegen – ein klares Signal für die Idee eines gemeinsamen, länderübergreifenden Nahverkehrs. Heute profitieren nicht nur Pendlerinnen und Pendler, sondern auch Wirtschaft und Umwelt im Großraum Halle–Leipzig–Altenburg davon.
Was in den 1990er-Jahren als ambitioniertes Projekt gestartet ist, gehört längst selbstverständlich zum Alltag. Vernetzte Nahmobilität ist wie das tägliche Brot. Und es zeigt: Gute Zusammenarbeit zahlt sich aus. Auch dann, wenn sie manchmal ein bisschen mehr Abstimmung braucht.
Wie es weiterging – und welche Herausforderungen den Verbund bis heute prägen –, beleuchten wir im nächsten Teil der Serie.
*Als Mischverbund organisiert, entscheiden beim MDV viele verschiedene Akteure gemeinsam. Aufgabenträger (Kommunen, Landkreise) und Verkehrsunternehmen arbeiten dabei zusammen. Während Bus- und Straßenbahnverkehr von Städten und Landkreisen bestellt werden, verantworten Institutionen wie die Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt GmbH (NASA), der Zweckverband für den Nahverkehrsraum Leipzig (ZVNL) und der Freistaat Thüringen den Schienenpersonennahverkehr.
Bildnachweise
In der Reihenfolge ihres Erscheinens:
- MDV