07

Okt

2019

Der Syndenfall

In Leipzig braut sich was zusammen:

Der studierte Geograph Nico Synowzik schafft mit seinem »Synde Bräu« auf der Landkarte des Craft Beers eine neue Insel des Genusses.

Aus Langeweile wird Extravaganz: So könnte man die Geburt der Craft Beer-Bewegung in den USA der 70er Jahre beschreiben. Nach dem Ende der Prohibition beherrschten jahrelang lediglich drei Biersorten den Markt, die für drei Attribute standen: billig, leicht und alle schmeckten gleich. Deshalb versuchten Bierfans als Laien bald, Ihr eigenes Hopfengetränk mit durchaus eigenwilligen Geschmacksrichtungen zu brauen und schufen damit die ersten Craft Beers – ein Begriff, der längst auch in Deutschland angekommen ist.

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Mixtur aus Tradition und Innovation

Craft Beer gibt’s zum Beispiel auch in Leipzig. Hier braut und werkelt Nico Synowzik unter dem Markennamen „Synde Bräu“ – eine eingängige Abwandlung seines Nachnamens und zugleich hervorragende Vorlage für Wortspiele a la »Immer eine Synde wert«, die seine Flaschenetiketten zieren. Individualität ist bei „Synde Bräu“ Trumpf – schließlich ist das auch der entscheidende Punkt, der Craft Beer von Massenprodukten unterscheidet: Es zeichnet sich durch die Kreativität der sogenannten „Homebrewer“ aus. Geradezu experimentell hantieren sie mit alternativen Zutaten wie Kaffeebohnen, Orangenschalen, Chili oder Kürbis, um alten Brautraditionen neues Leben einzuhauchen und unkonventionelle Geschmacksrichtungen in die Flasche zu füllen. „Auf Reisen habe ich schon immer gerne einheimische Biere verkostet“, erzählt der 42-jährige Geograph, der jahrelang im Einzelhandel tätig war. „Aber was ich 2014 in den USA erlebt habe, übertraf alles. Gab es dort vor 25 Jahren vielleicht 40 Brauereien, so sind es heute über 6000 – und jede Kleinstadt besitzt ihren eigenen Brewpub.“

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Echte Handarbeit: Nico Synowzik bezieht seine Zutaten weltweit.

Nico Synowzik hatte Blut geleckt, oder besser: Sud geschmeckt. Er absolvierte einige Praktika in unterschiedlichen Brauereien, ließ sich die Feinheiten des Brauens erklären, und 2014 musste endlich die eigene Brau-Anlage her – mit Gasbrenner, Kochtopf, Malz, Hopfen, Hefe und natürlich extravagante Zutaten für die Gaumenfreude der besonderen Art. Zuerst wagte sich der Leipziger an ein in der Craft Beer-Szene anerkanntes IPA – dem sogenannten India Pale Ale. Dieses Bier wurde einst von England in die damalige Kolonie Indien verschifft und mit so viel Hopfen eingebraut, dass es besonders lange haltbar war. Daher schmeckt das IPA so blumig und fruchtig. Kein Wunder, dass Nico Synowzik von Freunden gefragt wurde, „ob ich da Fruchtsaft hineingeschüttet hätte!“

Die Synde-Euphorie war jedenfalls groß, sodass er im Mai 2017 den Entschluss fasste, alles auf eine Karte zu setzen und sich als Bierbrauer selbstständig machte.

So schmeckt der Sommer

2018 fand er schließlich mit einer hohen Halle in der Hohen Straße den perfekten Ort, um die Produktion des selbstgemachten Gebräus auf eine höhere Stufe zu hieven. Eine Location, die dank der Tram-Anbindung in der Leipziger Südvorstadt für die Bierfans im ganzen MDV-Gebiet hervorragend erreichbar ist. Hier sollen in diesem Jahr 50.000 Liter feinstes Synde Bräu hergestellt werden – ein Wert, auf den Großbrauereien in drei bis vier Stunden kommen, für Nico Synowzik allerdings einen Quantensprung darstellt. Neben dem IPA, Pils und Blonden wagen er und sein 34-jähriger Braumeister Pieter Rosenlöcher neue, kleine Sorten vom belgischen Rezept über ein englisches Ale bis zu Sorten mit Chili, Kokosnuss oder extra viel Hopfen. Auch saisonale Biere sind bereits in petto. „Im Sommer geht unser obergäriges „Südwind“ an den Start. Im Herbst wird unser sogenanntes „Pumpkin Ale“ dank der Beigabe von Kürbis den gewissen Halloween-Touch verbreiten, und im Winter steht ein dunkleres Bier mit mehr Umdrehungen an, um den kälteren Temperaturen beizukommen.“

Bezogen können die Eigenkreationen in der Hohen Straße bevorzugt am Donnerstag und Freitag zwischen 15 und 21 Uhr, doch auch der Einzelhandel, die Gastronomie und sogar eine erste Rewe-Filiale in Leipzig-Plagwitz haben Synde Bräu im Regal stehen.

„Toll, dass unsere Kunden inzwischen auch unser Bier konsumieren können, wenn wir gerade geschlossen haben oder kräftig am Produzieren sind“, freut sich Braumeister Rosenlöcher. „Wir wollen Synde Bräu auf jeden Fall bekannter machen, gerade im MDV-Gebiet – wenn auch nicht um jeden Preis.“ Damit meinen die beiden vor allem den Preis der Individualität. Das Privileg, seine Biere so produzieren zu können, wie sie ihm letzten Endes selbst am allerbesten munden. Na, denn Prost!

Anfahrtsempfehlung:

  • S1-S5X Bayerischer Bahnhof
  • Tram 9 Bayerischer Bahnhof
  • Tram 10, 11 Hohe Straße
  • Bus 60 Bayerischer Bahnhof