03

Dez

2018

Notenspuren in der S-Bahn

Das Leipziger Projekt „Europäische Notenspuren“ führt Menschen verschiedener Kulturen über die universelle Sprache der Musik zusammen – und die Verkehrsunternehmen im MDV bringen sie hin.

Es ist still im Musikzimmer des Magnus-Gottfried-Lichtwer Gymnasiums in Wurzen. Schüler der 9. und 12. Klassenstufe haben sich in Stuhlreihen zwischen Klanghölzern, Gitarren und Xylophon zusammengefunden, blicken gespannt nach vorne. Dann betritt Joseph Haydn plötzlich den Raum – bildlich gesprochen. Denn die ukrainischen Musikstudierenden Olha, Daryna und Demian bringen mit ihren Blasinstrumenten und dem Werk „London Trio N1“ den Geist von Haydns nach Wurzen – so enthusiastisch, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Und das stimmt sogar fast: Der 22-jährige Demian spielt seit seinem siebten Lebensjahr Klarinette, die 18-jährige Olha seit 11 Jahren Querflöte, während ihre Altersgenossin Daryna seit 2014 eins ist mit ihrem langen, schweren, volltönenden Fagott. In hoher Geschwindigkeit performen sie vor den Schülern Stücke von Devienne, Vivaldi und Auric und geben dabei einen Einblick über Meisterwerke aus verschiedenen Ländern und Epochen.

Mit Haydn und dem MDV nach Wurzen

Am Leipziger Hauptbahnhof hatten sich die drei Ukrainer an diesem Freitagmorgen auf Gleis 1 getroffen, um gemeinsam in der S-Bahn zum Gymnasium nach Wurzen zu fahren. Ihre Mission: die „Europäischen Notenspuren“. Das in Leipzig initiierte Projekt stellt Musik als verbindende Kraft in Europa in den Mittelpunkt und vermittelt sie mit Stücken von Komponisten aus unterschiedlichen Ländern. Mit dem Teilprojekt „Brücken bauen über Gräben“ sind nun Demian, Olha und Daryna unterwegs. „Vor ziemlich genau 100 Jahren endete der 1. Weltkrieg“, erklärt Projektkoordinatorin Karoline Konrad den Hintergrund. „Ein Anlass, an die damaligen Kämpfe zu erinnern und ein Jahrhundert später das neue Miteinander zu würdigen. Damit Europa auch zukünftig stabil bleibt, möchten wir den interkulturellen Austausch fördern. Und womit könnte das besser gelingen als mit Musik – der Sprache, die alle verstehen?“ Dieser musikkulturelle Austausch hat in Leipzig Tradition. Die Wege von Komponisten wie Edvard Grieg, Mikalojus Konstantinas Čiurlionis oder Clara Schumann haben sich in Leipzig gekreuzt. Hier übersetzten sie Erlebtes in Kompositionen, trugen sie in ihre jeweilige Heimat und standen exemplarisch für den Zusammenhalt der Kulturen.

Wenn aus Melodienbögen Brücken entstehen

Auf diesen großen Notenspuren der musikalischen Vorbilder wandelten im November 2018 in Leipzig insgesamt 19 Musiker aus den befreundeten Städten Bologna, Brünn, Lyon, Moskau, Krakau und eben Kiew. Sie spielten kleine Konzerte an Schulen oder in privaten Räumlichkeiten und brachten so ihre Musikkultur unter die Zuhörer. Standen ihre Vorfahren sich im 1. Weltkrieg noch verfeindet gegenüber, suchen die talentierten Musiker heute Austausch und Gastfreundschaft – und finden sie auch, wie Klarinettist Demian erzählt: „Wir wurden in Deutschland sehr freundlich aufgenommen, sprechen viel mit den Teilnehmern aus anderen Länder und reißen gemeinsam Witze. Krieg und die dunkle Vergangenheit spielen bei unserem Engagement natürlich eine Rolle. Dennoch genießen wir auch unsere Gemeinschaft und die Chance, zusammen musizieren zu können und dabei ins Gespräch mit Schülern wie jenen am Wurzener Gymnasium zu kommen.“

Nach ihrem 45-minütigen Konzert ist die Fragerunde eröffnet. Dabei erzählen die jungen Musiker etwas über ihre Instrumente, ihre musikalischen Vorlieben und Anekdoten aus dem Projekt. So erinnert sich Demian, dass er gerade am Wasser lag und sich die Sonne ins Gesicht scheinen ließ, als der Anruf seines Lehrers der dortigen Musikschule kam: „Konzerte in Deutschland geben? Da musste ich nicht groß überlegen!“, erzählt der sympathische Musikstudent. Später möchte er einmal Ensemble-Mitglied in einem renommierten Orchester sein und gemeinsam mit musikalischen Stars auf einer Bühne stehen.

Auch nach der Fragerunde klingt das Interesse an Olha, Daryna und Demian nicht ab: Einige Schüler nutzen die Zeit bis zum nächsten Unterrichtsläuten und vertiefen den Austausch über Musik, Schule und Kultur von Angesicht zu Angesicht. Und wer weiß: Vielleicht lässt ja in Zukunft einer der Wurzener Gymnasiasten vor einer ukrainischen Schülerschaft die Musik von Clara Schumann erwachen? Eines ist jedenfalls sicher: Diese etwas andere Musikstunde war ein voller Erfolg und hat mit Sicherheit bei allen Beteiligten ihre Notenspuren hinterlassen.