06

Aug

2018

199 Stufen über Oschatz

Nur noch 16 Türmer gibt es in ganz Deutschland. Alexander Nitsche ist einer von ihnen und erzählt in Oschatz seinen Besuchern von Leben und Arbeit längst vergangener Tage.

In einem Kirchturm arbeiten, kochen und schlafen? Für sogenannte Türmer war das im Mittelalter ganz normaler Alltag. Sie richteten sich über den Dächern der Städte häuslich ein, läuteten zur vollen Stunde die Glocken, beobachteten die Umgebung und schlugen bei Bränden oder feindlichen Übergriffen Alarm.

Alexander Nitsche ist bis heute Türmer. Der alteingesessene Oschatzer empfängt in der traditionell eingerichteten Türmerwohnung der St. Aegidienkirche Gäste von nah und fern und gibt ihnen auf drei Etagen einen Einblick in das Leben der einstigen Türmerfamilie Quietzsch. „Seit 1899 betätigten die Quietzschs das Zugseil für die Feuerglocke, hängten rote Fahnen in Richtung eines Brandes oder navigierten die Feuerwehrmänner mit Licht und Megafon“, schwärmt der historisch interessierte Nitsche. Und da zu jeder Nacht- und Tageszeit Gefahren drohten, war es durchaus hilfreich, dass die Familie um Türmer Ernst Paul Quietzsch gleich zwölf Kinder zählte. Auch wenn es auf den insgesamt 100 Quadratmetern mit insgesamt 14 Köpfen platzmäßig ziemlich „kuschelig“ wurde, hatten die vielen Nachkommen einen entscheidenden Vorteil: Die Quietzschs konnten bequem in Schichten arbeiten und damit Oschatz gemeinsam sichern. Neben der Feuerwache gehörte zu ihren Diensten, sozusagen als Nachweis, dass sie wirklich über die Stadt wachten, das Anschlagen der Glocke zur vollen Stunde sowohl des Tages wie auch zur Nacht.

stufen_ueber_oschatzDie letzte Tochter der Familie zog 1967 aus dem Turm aus, doch Charme und Alltag der damaligen Zeit kann man heute noch bei einem Besuch des aktuellen Türmers Alexander Nitsche  miterleben. Neben der historisch nachempfundenen hergerichteten Schuhmacherwerkstatt in der ersten Etage mit originalgetreuen Werkzeugen aus dieser Zeit warten insgesamt vier große Glocken, ein niedliches Kaffeestübchen in der zweiten Etage und natürlich der atemberaubende Weitblick über die nordsächsische Stadt und Landschaft auf jährlich über 5 000 Besucher. Alexander Nitsche hat dabei jede Menge zu tun. „Ich übernehme alle Aufgaben, die zum Funktionieren eines Haushalts beitragen“, erzählt der diplomierte Maschinenbauer und einstige Produktionsleiter. „Neben Pflege- und Reinigungsarbeiten erledige ich die Buchführung, das Verteilen von Flyern und Broschüren oder den Einkauf von Getränken. Natürlich gebe ich auch einen Einblick in die Geschichte der Familie Quietzsch – und da ich gerne mit Menschen zusammenarbeite, ist der Job wie für mich gemacht!“ Der hauptamtliche Türmer erfüllt heute folglich eher repräsentative Zwecke – das Läuten der Glocken sowie alle anderen Aufgaben der einstigen Türmer hat die moderne Technik übernommen.

Ist die weiße Fahne mit dem Symbol der  Aegidienkirche am Kirchturm sichtbar, wissen Besucher: Der Türmer öffnet seine Türen. Von Dienstag bis Freitag übernimmt Alexander Nitsche den Empfang selbst, während er an Wochenenden und Feiertagen von einem der mittlerweile über 40 ehrenamtlichen Türmer und Türmerinnen abgelöst wird. Seit 20 Jahren ist die urige Wohnung nun schon ein beliebtes Ausflugsziel, das 1998 vollständig restauriert wurde. Ein historisches Kulturgut, das in drei Etagen und auf jeder seiner 199 Stufen Geschichte erlebbar macht – bis man in 70 Metern Höhe diesen einzigartigen Blick genießen darf.